Und abends Prozession

Im vorigen Eintrag war ich von der Markthalle Mercado de San Miguel zur Plaza de Puerta Cerrada gegangen. Man hatte mir bereits erzählt, dass es an diesem Abend des 13. April 2017 dort eine Gründonnerstags-Prozession geben würde, und zumindest die Atmosphäre bei einer solchen Veranstaltung in Madrid wollte ich kennenlernen. Überhaupt hatte ich derartiges in einer so grossen Stadt noch nie erlebt. Ungefähr 17 Uhr 30 gelangte ich zur Plaza de Puerta Cerrada. Beim Blick durch die Calle de San Justo sieht man eine Kirche: es ist die Basilika St. Michael – Basílica Pontificia San Miguel.

 

Rund um den Platz und den angrenzenden Strassen hatten sich einige Menschen am Strassenrand versammelt, die mit roten Tüchern geschmückte Balkonfenster zeigten die Feiertagsstimmung an und eine Handvoll Polizisten war schon vorort – alles war noch in einem geruhsamen Vorbereitungsmodus. Auf der gegenüberliegenden Seite saßen Menschen vor einer Bar auf der Strassenecke zur Calle del Nuncio, beim Restaurant gegenüber wurden die Aussensitzplätze bereits weggeräumt.

 

Auch dort waren die Häuser geschmückt und wartende Menschen, einige sogar mit Klappstühlen und Körben mit Essen und Kühltaschen mit Getränken zu sehen und darum ging ich neugierig so weit wie möglich die Calle del Nuncio hinunter, bis es kurz vor der Kirche Iglesia De Jesus El Pobre an einer Absperrung endete, nicht weit entfernt von der grösseren Kirche Iglesia de San Pedro El Viejo, dem Ausgangspunkt der späteren Prozession > Procesión de Nuestro Padre Jesús Nazareno “El Pobre” .
Die heitere Stimmung gab für mich den Ausschlag für die Entscheidung, mitzuwarten, doch kehrte ich lieber zur Puerta Cerrada zurück, falls die vielen kommenden Stunden für mich in diesen Dingen ungeübte Nichtkatholikin zuviel würden.

 

Auf der östlichen Strassenecke zur Calle del Nuncio, gegenüber des Restaurants El Madroño mit seinem schönen Fliesenschmuck reihte ich mich unterhalb des Gerüsts mit der TV-Kamera in die inzwischen grösser gewordene Gruppe von Wartenden als Zuschauerin ein. Das „Stück“ war bereits in Gang, denn das Beobachten der Wartenden fand ich sehr unterhaltsam: vor allem viele der älteren Damen trugen sonntägliche Kleider und und frisch gelegte Frisuren, die sie begleitenden Männer Anzug mit Krawatte – dies waren garantiert keine Touristen und die meisten von ihnen sogar aus dem Viertel, denn sie kannten einander. Das war natürlich etwas für mich, die ich immer gern solchem Geplauder zuhöre, aber auch als Fremde wurde ich ab und zu freundlich mit angesprochen, wenn es sich so ergab. Um 19 Uhr sollte es offiziell losgehen, aber man schaut besser nicht auf die Uhr sondern lieber in die geduldige Runde. – Dann kamen endlich die beiden Musikzüge, mit denen sich die Abholung der „Pasos“ genannten heiligen Bilderstühle von Nuestro Padre Jesús Nazareno ‚El Pobre‘ und María Santísima del Dulce Nombre, en su Soledad durch die Bruderschaft von der Kirche ankündigte:

 

Auf den Bildern 1+3 sieht man die Agrupación Musical Entre Corona de Espinas, de Sorihuela de Guadalimar aus Jaén, die das Christusbild begleiten wird, und auf den Bildern 2,4,5+6 La Banda de Música de la Asociación Musical ‚La Lira‘ de Pozuelo aus Madrid, die darauffolgend mit dem Marienbild gehen werden. Weil Musiker wunderbare Fotomotive sind, habe ich mir einzelne Instrumentalisten näher „herangezogen“:

Nachdem die Musikanten, aus der Calle de Segovia kommend, über die Plaza de Puerta Cerrada in die Calle del Nuncio eingebogen waren, folgte wieder eine längere Wartezeit. Währenddessen kamen immer wieder neue Menschen zu der wartenden Menge dazu, sei es, weil sie nur als Passanten diesen Weg genommen hatten, sei es, weil sie einen Zuschauer-Platz an genau dieser Stelle zu finden hofften. Aber so freundlich und rücksichtsvoll die dicht bei dicht stehenden Menschen auch waren, wenn es um einfache Verlagerungs-Bewegungen der schon länger neben ihnen Stehenden ging, oder um diejenigen durchzulassen, die wirklich nur vorbeigehen wollten.

 

Sich in eine der vorderen Reihen zu drängeln um zu bleiben war ein schwerer Fehler, und die netten alten Damen protestierten laut und bissig und die Herren deuteten an, dass Körpereinsatz eine Option wäre. Wegen der besonderen Hartnäckigkeit eines solchen dreisten Vordränglers wurden Ordner und Polizei auf die Unruhe aufmerksam und die Polizei nahm den Störenfried mit, der gemeint hatte, für sich und seine Kamera mit Ellenbogeneinsatz in die erste Reihe zu kommen. Die zügige Lösung des Konflikts war auch notwendig, denn inzwischen war Musik zu hören und es näherte sich zum Auftakt der Prozession ein hell leuchtendes Silberkreuz, getragen und begleitet von Kopf bis Fuß vollständig violett verhüllten Mitgliedern der Bruderschaft.

 

Hinter dem silbernen Kreuz, dem Cruz de Guía, folgte als musikalische Begleitung die Agrupación Musical Nuestro Padre Jesús ‚El Pobre‘, an der Farbe Violett erkennbar als Teil der Bruderschaft Muy Ilustre, Primitiva y Fervorosa Hermandad y Cofradía de Nazarenos de Nuestro Padre Jesús Nazareno ‚El Pobre‘ y María Santísima del Dulce Nombre en su Soledad, welche die Prozession organisisert, deren Mitglieder die verschiedenen Symbole tragen und auch die schweren reich dekorierten „Stühle“ schultern. Ein erster Höhepunkt war erreicht, als der Zug aus der Calle del Nuncio auf die Plaza de Puerta Cerrada trat, wo er auch an den anderen Strassenrändern gesehen werden konnte, während er hinüberwechselte zur Calle de San Justo.

 

Nach dem Musikzug folgte ein neuer Abschnitt der Prozession, bei dem lange violette Kerzen getragen wurden, gefolgt von einer Gruppe der Bruderschaft mit schwarzen Kreuzen. Mir fehlen die korrekten Begrifflichkeiten für die Gliederung und ihre Gegenstände, ich habe auch keine Ahnung, wie die Aufgaben verteilt werden, aber die verhüllten Figuren der Nazarenos schienen sowohl Männern als auch Frauen zu gehören. Überrascht war ich aber, auch eine Gruppe junger Kinder zu entdecken, als die Kerzen vorübergetragen wurden. Den Kindern wird es offenbar nachgesehen, wenn sie die bescheidene Anonymität der Kapuzen von den hohen Spitzhauben über den Gesichtern lüften, um etwas zu trinken. Die Umstehenden waren voller Lob.

 

Ebenfalls auffallend war der eifrige Gebrauch von Smartphones, und das nicht nur zum Fotografieren oder Filmen, es wurde auch eifrig ge-whats-apped, um sich mit Bekannten über den Verlauf der Prozession auszutauschen – nicht so schlecht, wenn man bedenkt, wie sehr sich das Ganze in die Länge zieht, und dass mehrere Generationen umfassende Familien – von den Großeltern bis zum Familienhund – dabei sind. Glücklicherweise waren die Handys fast immer lautlos gestellt, sonst wäre es noch lustiger gewesen. Ich fand die erhobenen kleinen Monitore auch zu meiner eigenen Information ganz praktisch, denn viele der älteren Frauen und Männer um mich herum waren kaum grösser oder sogar noch kleiner als ich, aber eben nicht alle, und so konnte ich manchmal eher auf einem Bildschirm sehen, was sich näherte, bevor es wirklich auch für mich in Sicht kam. So manches Foto habe ich selbst nur mit erhobenem Arm und aufs Geratewohl gemacht.

 

Besonders eindrucksvoll und von den Fotografen als Motive begehrt waren mehrere von Kopf bis Fuß schwarzgekleidete Damen in Spitzen-Mantillen verschiedenen Alters, „las Manolas“ genannt, die mit dem Zug schritten. Wahrscheinlich beeindruckten sie auch deshalb, weil sie, im Gegensatz zu den Kapuzenträgern, ihre Gesichter zeigten – die als älteste erkennbaren der Frauen beherrschten den Auftritt am großartigsten.
Dennoch: weil ich es nicht gewöhnt war und auch nicht religiös bewegt genug, erwies sich mein Durchhaltevermögen nach rund vier Stunden als begrenzt und ich gab meinen Stehplatz gegen 21 Uhr 30 auf, noch bevor auch nur die Mariendarstellung der María Santísima del Dulce Nombre en su Soledad in Sicht gekommen war, um nach rund sechs Stunden des Unterweggseins in die Calle de los Coloreros zurückzugehen.
Der einzig mögliche zu nehmende Weg erwies sich als auch nicht ganz ohne, denn ich geriet von der einen Prozession in die andere: in der Calle Concepción Jerónima erschien gerade durch die Calle Duque de Rivas kommend die Prozession Procesión de Nuestro Padre Jesús del Gran Poder mit der grossen Christus-Figur auf dem Weg zur Puerta Cerrada, die um 20 Uhr von der Kirche San Isidro el Real ihren Ausgang genommen hatte.

 

Diese Prozession sollte noch wesentlich weiter durch das Madrid de los Austrias führen würde als die vergleichsweise kleine Runde der Procesión de Nuestro Padre Jesús Nazareno “El Pobre”, deren Beginn ich an meiner Strassenecke der Calle del Nuncio zugesehen hatte, und so stand ich nur etwa eine Viertelstunde am Strassenrand, bis ich endgültig aufzugeben beschloss und über die Plaza Mayor „nachhause“ ging – solange das noch möglich war, denn auch dort wurden gleich mehrere der Prozessionen dieses Gründonnerstag-Abends erwartet.
Ich gebe zu, dass ich im weiteren Verlauf des Abends bzw. der Nacht dankbar war, vom Sofa aus per Fernsehübertragung aus den wichtigen Städten in ganz Spanien Bilder von den Ereignissen sehen zu können, die ich inmitten der Menschenmenge stehend nicht einmal von dieser einzigen Prozession hätte erhaschen können, bei der ich einen recht guten Standplatz gehabt hatte. Außerdem musste ich am anderen Tag einigermassen früh aufstehen, denn es war der Abreisetag! Ein letzter beinahe mitternächtlicher Blick noch von der Terrasse:

 

… und dann mit all den Eindrücken ins Bett. – Wer die Fotos aus diesem grossen Beitrag grösser ansehen möchte, sollte die kleinen Bilder in den Galerien anklicken, ich habe sie extra in kleinere Päckchen aufgeteilt, aber den Artikel in einzelne, getrennt veröffentlichte Teile zu zerhacken, konnte ich nicht über mich bringen.

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9 Gedanken zu “Und abends Prozession

  1. Vielen Dank für diese tolle Bildergeschichte ! 4 Stunden ? Wie lange geht sowas denn insgesamt ?? – Immer ein bißchen unheimlich, diese Kapuzen. Man fühlt sich gleich in vergangene Zeiten versetzt. Insgesamt bestimmt ein spannendes und unterhaltsames Erlebnis 🙂

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  2. Toller und aufschlussreicher Bericht in Bild und Wort über diese sehr beeindruckende Gründonnerstags-Prozession(en)!
    Sie sind offenbar gänzlich anders als unsere Karfreitags-(Stunden)-Prozessionen hier in Menden …

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