Plaza „de Ote“

Ich war verwirrt: was ist das, was da auf dem Stadtplan steht – ein weiterer Name für so etwas wie den Tellerrand der Plaza de Oriente? Dann ist endlich der Groschen gefallen, denn „Plaza de Ote“ ist nur ein weiteres Beispiel für die in Madrid gern verwendeten Abkürzungen komplizierter Strassenbezeichnungen.

Die Plaza de Oriente, 1843 eingeweiht, liegt auf der anderen Seite des Teatro Real, schafft sowohl eine mit Statuen und Brunnen geschmückte passende Verbindung zwischen Königspalast und Opernhaus, als auch einen hoheitlichen Abstand zum normalen Stadtzentrumstreiben. In den Morgenstunden wirkt es, als würde man von der Plaza de la Reina Isabel II durch die Calle de Felipe V am Opernhaus vorbei wie in ein ornamentenreiches grün- und sandfarbenes stilles, zeitverlangsamtes Polster hineingehen.

Wenige Menschen führten ein Hündchen spazieren, vereinzelt verriet eine Schubkarre einen nicht zu sehenden Gärtner zwischen den gestutzten Hecken, Zypressensäulen und ausladenden Gummibäumen. Ein Mann im Anzug, vielleicht auf dem Weg ins Büro, saß beim Kiosk am Rande der Jardines De Lepanto auf einer steinernen Bank, mit seinem Smartphone beschäftigt – manche Kioske stellen einen Internet-Hotspot zur Verfügung.

Auch scheint es morgens vor zehn Uhr mehr steinerne Statuen auf der Plaza de Oriente zu geben, als lebende Menschen.
Neben dem bronzenen Reiterstandbild des Königs Felipe IV. oberhalb eines Brunnens (Fotos weiter unten) in der Mitte säumen zwanzig steinerne Statuen, in zwei Reihen angeordnet, im Volksmund „Reyes Gordos“ – dicke Könige – genannt, den Platz: ein Wortspiel mit einem zusätzlichen „R“, denn ausser den fünfzehn der ersten christlichen Könige der Reconquista stehen auch Abbilder fünf westgotischer Könige da.

Die Liste der reyes godos auswendig zu lernen, gehört als Teil der spanischen Entwicklungsgeschichte zur schulischen Bildung, während man sich in Deutschland an solche Plagerei nur im Zusammenhang mit dem Periodensystem der Elemente im Chemieunterricht erinnert. Bei den zwanzig Dargestellten handelt es sich um neunzehn Herren und eine einzige Dame (links im Bild), auf dem Foto ist die Reihe vor den Jardines del cabo Noval aufgestellte Reihe zu sehen. Wer alle im Einzelnen ansehen und kennenlernen möchte, kann dies hier > Plaza de Oriente: Statuen der spanischen Könige.

Wichtiges Fotomotiv ist die Bronzeskulptur des Königs Philipp IV., genannt der Große oder Rey Planeta, König der Welt, um die herum alle aus Wegen und Pflanzungen gebildeten Ornamente angeordnet wurden. Geschaffen wurde die Bronze vom italienischen Bildhauer Pietro Tacca zwischen 1634 und 1640, nach einem Entwurf von Diego Velázquez. Für die bis dahin nie umgesetzte Gestaltung eines auf der Hinterhand steigenden Pferdes holte der Künstler sich Rat bei seinem Zeitgenossen Galileo Galilei und arbeitete das Hinterteil voll, das Vorderteil aber als Hohlform.

Ihren ursprünglichen Standplatz hatte die Reiterplastik, die Felipe IV selbst in Auftrag gab, aber durch den Großherzog der Toskana geschenkt bekam, im Königinnengarten des längst verschwundenen Palacio del Buen Retiro, den er dem Real Alcázar de Madrid zum Wohnen vorzog. Danach wurde die Skulptur an verschiedene Plätze verschoben, auch wieder zurück in den Park, bis Königin Isabella II. sie 1843 für die Plaza de Oriente holen ließ: Die Reiterplastik wurde durch die Bildhauer Francisco Elías Vallejo Kamera und José Tomás um den Brunnen und Gedenktafeln ergänzt und so zu einer allegorischen Darstellung von Felipe IV als Schirmherr der schönen Künste und der Kultur gestaltet, auch Velázquez wurde in dem Zusammenhang mit ihm als Figur verewigt.

Über die „Plaza de la Opéra“ zur Plaza de Oriente gekommen, bildete das Palastgebäude mit seiner 500 Meter langen Seitenfassade eine großartige Kulisse für ein Hin und Her auf den geraden Wegen und verschlungenen Pfaden zwischen grünen Pflanzen, Statuen oder das Beobachten der anderen Besucher. Trotzdem zoomte ich interessiert das grosse Wappenbild mit den flankierenden Figuren heran. Es soll sich wieder einmal um reyes godos handeln, nämlich um die Westgotenkönige Recaredo II und Ervigio, auch wenn die Buchstaben darunter nur zur linken Statue passen wollen. Die beiden flankieren das Wappen von Felipe V, Rey de España,, der das barocke Prunkschloss bei dem Architekten Juan Bautista Sachetti in Auftrag gegeben hatte, der es zusammen mit Francisco de Sabatini von 1734 bis 1764 errichtete.

Je weiter der Morgen fortschritt, desto mehr füllten sich die Wege mit ihnen und denen, die sich von den wachsenden Mengen von Touristen ein kleines Handgeld erhofften: Silbermänner, Toreros, Flamencotänzerinnen, Akkordeonspieler, Vogelpfeifenverkäufer, aber auch Bettler in „pittoresken“ Lumpen, manche mit verrenkten Gliedern, die meist nicht gerade zurückhaltend auf die Besucher zugingen. Als es schließlich auf halb elf Uhr zuging, wurde die schöne, fast intime Morgenstimmung auf der Plaza „de Ote“ verdrängt vom Auftauchen immer grösserer Mengen dieser beiden Spezies – also Ortswechsel.

Fotos vom Morgen des 11. April 2017 in Madrid, Spanien – zum Vergrössern bitte die kleinen Bilder anklicken!

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3 Gedanken zu “Plaza „de Ote“

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