Tristesse an der Praça da Figueira – zweiter Tag in Lissabon (37)

Praça Figueira + Rua do Amparo + Praça Dom Pedro IV

Schon bei einem Blick auf den Stadtplan fragte ich mich flüchtig, weshalb die Unterstadt von Lissabon, genannt Baixa oder Lisboa Pombalina nach dem Erdbeben von 1755 zwei grosse Plätze nebeneinander bekommen hatte, wie zwei Dotter im selben Ei.
Dann war ich sehr damit beschäftigt, stundenlang über diverse Strassen, Gassen und Treppen von der Rua da Emenda bis ins Alfama und um das Castelo de São Jorge herum zu laufen und ich vergass die Frage, bis zum Nachmittag, als ich davor stand, auf der Praça da Figueira. Aber zu meiner Zufriedenheit konnte ich sie erst nach meiner Heimkehr klären.
In touristischen Texten sind oft Passagen zu lesen von einem „prachtvollen Platz, auf dem man gern flaniert und sich niederlässt um zu sehen und gesehen zu werden“ – vermutlich jahrzehntelang immer irgendwo abgeschrieben, nachdem der Platz Anfang der 60er Jahre fertiggestellt war.
Aber in den letzten Jahren stimmt das einfach nicht mehr.
Da dämmern zerlumpte Personen vor Fassaden in verschiedenen Stadien des Verfalls zwischen Tram- und Bushaltestellen auf einer Tiefgarage mit Reiterstandbild obendrauf. Lissabon wurde seit den 80er Jahren von einem grossen Teil der Stadtbewohner im Stich gelassen, die nun aus den moderneren Wohnverhältnissen der Metropolregion mit den Autos zur Arbeit in die Stadt kommen und abends wieder nachhause fahren, während die Häuser der Altstadt leer stehen und verfallen.

Lissabon, die Westseite der Praça Figueira mit Cafés, Parkhausaufzug und Skatern

Praça Figueira, Ex- ‚Pensão Coimbra-Madrid‘

Dom João I de Portugal – Leopoldo de Almeida, 1971

Man könnte vor dem Wildwuchs auf den Dächern Leopoldo de Almeidas Reiterstatue des Dom João I de Portugal so hinzoomen, als würde der König durch blühende Wildnis des 14. Jh. reiten.
Die roten Buchstaben „M“ und „R“, die sich vom Schriftzug der ehemaligen Pensão Coimbra-Madrid noch an der Fassade halten konnten, sind die letzten, die noch herunterfallen können – vielleicht haben darum die Cafés auf dem Platz davor so grosse Sonnenschirme?
2008 hat man 11’000 baufällige Häuser in Lissabon gezählt, etwa 20 % der gesamtem Gebäudemenge der Stadt. Von diesem Fünftel sind 4’000 Leerstände, bleiben 7’000 Häuser, die trotzdem irgendwie bewohnt sind. Rund um die Praça da Figueira sieht man alle Varianten. Manche sind oben Ruinen und unten werden darin noch Läden und Cafés betrieben.

“Kräuterplatz – Praça das Ervas“

Die Fähigkeit von Feigenbäumen, selbst noch aus Schutthalden heraus zu gedeihen, ist legendär, aber so war die Namenswahl doch sicher nicht gemeint, oder doch?
Die Geschichte des Platzes, der nun Praça da Figueira heisst, hat mit Gedeih und Verfall durchaus zu tun. Seit fast siebzig Jahren markiert er zum wiederholten Mal eine Leerstelle in der Geschichte Lissabons. Senioren können sich noch an die grosse, alte Markthalle aus Eisen und Glas und mit Kuppeldächern erinnern, ein wichtiger Ort für Einkäufe, Veranstaltungen und Feste. Sie war der Höhepunkt einer Entwicklung seit dem Erdbeben von 1755, von dem das auf dieser Stelle im 15. Jh. gegründete an den Rossio grenzende Allerheiligen-Hospital, das Hospital de Todos os Santos zerstört worden war.

„Man kann von dort aus verschiedene Sehenswürdigkeiten sehen“

Nach dem Abriss der Trümmer entwickelte sich in den Jahren danach stattdessen ein sich immer weiter perfektionierender Marktplatz, wurde zunächst noch Horta do Hospital genannt, „Gemüsegarten des Hospitals“, dann „Kräuterplatz“, Praça das Ervas, „Neuer Platz“ Praça Nova, und schliesslich Praça da Figueira.
Alt ist sie nicht geworden, diese achttausend Quadratmeter umfassende Halle, die 1885 errichtet worden war und nach nur 65 Jahren 1949 abgerissen wurde, mit dem Argument, sie sei veraltet und verrostet. Tatsächlich sahen die Pläne der Stadtentwicklung für diesen Ort Repräsentativeres vor, etwas möglichen Bankhäusern und Büros Angemesseneres, wozu es aber auch nicht kam, sondern nur zu einem Tiefparkhaus und der Gegebenheit, von der Platzmitte aus mehrere Sehenswürdigkeiten sehen zu können.
Eine sehr gute Beschreibung der Geschichte des Platzes findet sich bei > portugalmemoria.blogspot.de.

Bei meinem Besuch auf dem Platz hatte ich ständig das Gefühl, dass dem Platz etwas Wichtiges fehlt und es war spannend, dem nachzugehen. Dieses Genierliche für das Leben einfacher Bewohner in einer Hauptstadt, das sich in einer einfachen Markthalle als „Bauch“ einer Stadt manifestiert, ist ja auch nicht unbekannt, den Hallen von Paris war zu Beginn der 70erJahren ja ein ganz ähnliches Schicksal widerfahren, und obwohl der Pariser Stadthaushalt üppigere Möglichkeiten zuließ bzw. -lässt als der von Lissabon, ist auch da der Prozess rund um die Neuanlage noch nicht abgeschlossen.
Obwohl die Morbidität Lissabons auf den, der wieder abreisen darf, meist irgendwie romantisch wirkt, versagt dieser Reiz bei mir auf der Praça da Figueira. Da nicht mal Strassenmusikanten dort stehen, denke ich, bin ich mit meinem Empfinden wohl auch kein Einzelfall.

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5 Gedanken zu “Tristesse an der Praça da Figueira – zweiter Tag in Lissabon (37)

  1. Die Dachbegrünung wäre ja schick, wenn sie gewollt wäre, aber so ist es natürlich eher traurig (die Insekten freuts trotzdem :). Sind die vielen baufälligen Häuser nun ein Langzeitphänomen oder sind sie (auch) der Wirtschaftskrise geschuldet ??

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  2. Wenn die Altstadtbewohner von Lissabon nach der Nelkenrevolution lieber in die Vorstädte und deren Neubauten gezogen sind, hat das vordergründig mit keiner Wirtschaftskrise des 21. Jhs. zu tun, der Prozess dauert bereits 40 Jahre. Wer in der Hauptstadt arbeitet, aber nicht dort lebt, belastet ihre Infrastruktur, ohne andererseits mit den Steuern den Stadthaushalt aufzufüllen.

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  3. Das stimmt, den Trend gab es hier ja auch in einigen Städten. Damals wollte man lieber im schicken Neubau wohnen und nicht in den pflegebedürftigen Häusern der Altstädte. Wenn die gut in Schuß sind, sind sie ja wunderschön. Je länger nichts gemacht wird, umso unattraktiver werden sie. Mancherorts reißt man sich um solche Häuser. Zu schade, wenn sie kaputtgehen und unbezahlbar sind…

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